Milla Nächte: The Return of the Candy Club

Wie bereits angekündigt gibt es den Candy Club ab sofort wieder regelmässig, im Zwei-Monats-Rhythmus (immer am 3. Samstag der geraden Monate).

Eintritt bis Mitternacht 5 EUR, danach 7 EUR.
Geflüchtete und Arbeitslose (bzw Menschen mit München Pass) zahlen keinen Eintritt.

Einlass: 23 Uhr


Anstelle weiterer Erklärungen zur Veranstaltung, hier die Rede vom 5.1.2017, anlässlich des 18. Candy Club Geburtstags:

18 Jahre ist es jetzt schon her, dass der Candy Club zum ersten Mal stattgefunden hat. Eine verdammt lange Zeit, die sich für mich – im Rückblick – fast so anfühlt, als hätte ich da – ohne es so geplant zu haben – ein Baby in die Welt gesetzt: ein waschechtes Regenbogenkind.
Und wie das so ist mit Kids, sie entwickeln sich – manchmal besser manchmal schlechter – gehen einem auch mal auf den Senkel und bereiten ein anderes Mal viel Freude. Wenn sie älter werden, muss man ihnen auch mal ihren eigenen Kopf lassen und sie unterstützen, auch wenn man selbst was anderes möchte. So in etwa kann man auch die Pause des letzten Jahres verstehen.
Jetzt aber ist dieses Regenbogenkind volljährig und mit 18 Jahren quasi im wahlfähigen Alter.
Und da passt es ganz gut dazu, dass dieses Jahr in Deutschland tatsächlich Wahlen stattfinden.

Man muss sich viele Gedanken machen… – in diesen schwierigen Zeiten.
Gerade wir, als (queere) Menschen mit eigenen Diskriminierungserfahrungen müssen besonders wachsam und solidarisch sein, unsere eigenen Errungenschaften verteidigen und anderen helfen, tagtäglich, solange und so gut wir das können. Sonst werden wir plötzlich selbst zurückgedrängt, in den Bemühungen um unsere eigene Gleichstellung und in unserem Einsatz für eine vielfältige und weltoffene Gesellschaft.
Der Candy Club steht genau für diesen Prozess, und das schon immer: für die Offenheit und die Lust aufeinander, trotz vieler möglicher und tatsächlicher Unterschiede der einzelnen Personen. Diversity nennt man das… und unsere Vielfalt ist verdammt wichtig, überlebenswichtig würde ich sogar sagen.
Sie zu leben ist nicht immer einfach. Es braucht für das Entfalten dieser Vielfalt auch einen gewissen Schutz. Ich sage hier bewußt nicht „Schutzraum“, weil es nicht Aufgabe eines Veranstalters ist, einen spezifisch geschützten Raum zu schaffen – der würde dann ja automatisch wieder andere Menschen ausgrenzen. Der Candy Club ist jedoch ein offener Raum, der sich bewußt an sehr unterschiedliche Zielgruppen richtet. Von Anfang an war dieser Raum queer und gleichzeitig offen für Heter@s. Weil wir unsere Freiheit nicht auf einer Insel finden wollen, sondern mitten in und zusammen mit den menschenfreundlichen Teilen der uns umgebenden Stadtgesellschaft. Es liegt deswegen in der Hand ALLER Beteiligten, diesen Raum selbst (mit) zu gestalten, aufeinander zu zugehen, sich zu respektieren, aber auch: wenn nötig mal zu intervenieren oder, wenn Ihr das selbst nicht könnt, Euch jemanden zu holen der oder die bei der Intervention hilft. Seid wachsam füreinander, respektiert und helft Euch auch gegenseitig!
So haben wir das jahrelang gehalten und es war gut so. Diskriminierung hatte noch nie Platz im Candy Club und der Neustart, das Weitermachen jetzt, steht für mich unter genau dieser Prämisse: dass wir uns unsere Offenheit erhalten. Dass es uns gelingt, geflüchtete Menschen bei uns aufzunehmen und mit ihnen gemeinsam zu feiern. Musik und Kultur gehören schliesslich zum wichtigsten gesellschaftlichen Kit (neben Sport und Kochen/Essen). Da ist die Vielfalt gewünscht und aufregend, da hilft sie – aufeinander zuzugehen und sich kennenzulernen, Vorurteile abzubauen, Inklusion zu leben.
Der Candy Club kann und wird NUR weitergehen, wenn wir diese Transformation schaffen. Beispielhaft für die Forderungen die wir an Politik und Gesellschaft haben, müssen wir hier bei uns, in unserem eigenen „Wohnzimmer“ selbst damit anfangen.

In den letzten Monaten ist eine Kultur der offenen Auseinandersetzung teilweise verlorengegangen; eine Kultur, die jedoch der Stoffwechsel demokratischer Strukturen ist. Man kloppt sich nur noch Statements um die Ohren, man fragt zu wenig nach. Und man redet in Plattitüden. Dabei ist gerade JETZT in diesen politisch schwierigen Zeiten extrem wichtig, genau hinzugucken und Dinge zu hinterfragen.
Ich bin zutiefst erschrocken darüber, mit welcher Wucht z.B. das „Racial Profiling“ der Kölner Polizei in der Silvesternacht wegdiskutiert wurde und wird. Selbst in Kommentaren von SZ und Spiegel wird das pauschalisierende Vorgehen der Polizei gerechtfertigt und festgestellt, man könne jetzt doch nicht auch Frauen und Kinder kontrollieren, nur damit kein Verdacht eines Racial Profilings aufkomme. Darum geht’s jedoch gar nicht, und das ist das, was den meisten überhaupt nicht mehr auffällt: Die Debatte um Silvester ist primär eine Debatte um Übergriffe von Männern an Frauen; sie wird erst dadurch zu einem Rassismus-Problem, dass diese Übergriffe ausschliesslich (!) einer bestimmten Gruppe von Männern zugeordnet wird. Und man dann auch noch behauptet, diese Gruppe am Aussehen erkennen zu können.
Als ich das gelesen habe, bin ich zutiefst erschrocken.
Ich bin überhaupt kein Freund von historischen Vergleichen, weil die selten stimmen. Allerdings hab ich mich immer gefragt, wie damals der Wandel passieren konnte von den „Goldenen Zwanzigern“, einer vergleichsweise offenen Gesellschaft – es gab (zumindest in Berlin) eine blühende schwul-lesbische Kultur und die Kinder verschiedener Religionsgemeinschaften feierten ihre Feiertage gemeinsam. Ich hab mich immer gefragt, wie es danach passieren konnte, dass die große Mehrheit der Bevölkerung eines sich demokratisierenden Landes zu Anhängern der Nationalsozialisten werden konnte. Und mir ist mulmig, weil ich derzeit genauso wenig verstehe, wie immer mehr Menschen (selbst aus dem engeren Freundeskreis und aus der eigenen Verwandtschaft) sich plötzlich diesen Laut-Sprechern zuwenden, die überall aus den Löchern kriechen und wie übersehen wird, welch riesige Gefahr von diesen Laut-Sprechern und Populisten ausgeht: Brexit, Trump, Erdogan, LePen, Kacinski, Orban, AfD…. Dazu so viele gewaltbereite und gewalttätige Nazis in Deutschland wie es sie in den letzten 70 Jahren nicht mehr gab… Das ist furchterregend.
Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber und wir dürfen nicht verstummen!
Deswegen hab ich den Moment hier und heute gewählt, um Dinge laut auszusprechen, die laut ausgesprochen werden müssen. Um Euch zu bitten, die Augen vor diesen Gefahren nicht zu verschliessen, um Euch zu bitten, dass Ihr Euch weiterhin dafür einsetzt unsere Vielfalt zu erhalten und weiter auszubauen. Der Candy Club darf keine Insel werden, er muss mindestens selbstverständlicher Ausgangspunkt dafür sein, unsere Botschaft des solidarischen Miteinanders immer und immer wieder zu verbreiten.
Wir dürfen jetzt nicht verstummen, schon gar nicht in einem Wahljahr bei so schwierigen Rahmenbedingungen.
Ich bitte Euch darum, mit all Euren Freundinnen und Freunden das Gespräch zu suchen. Wir müssen bei den kommenden Wahlen alle mit unseren Stimmen, unseren Argumenten und unserer Energie dafür sorgen, dass es uns nicht so geht wie den Briten oder den US-Amerikanern: dass plötzlich etwas wahr wird, was sich niemand vorstellen kann, woran niemand glaubt, bis es dann plötzlich doch passiert ist.

Der Candy Club heute soll da auch ein Zeichen setzen:
wir haben wieder ein buntes, vielfältiges Programm und Menschen mit Migrationshintergrund sind ein selbstverständlicher Teil auf unseren Bühnen und unseren Dancefloors. DAS ist die Vielfalt die wir brauchen und wollen. Nur unter dieser Voraussetzung und mit all diesen vielfältigen Menschen werde ich den Candy Club weiter machen. Dann aber hoffentlich noch lange die Kraft dafür haben.

In diesem Sinne wünsche ich allen ein rauschendes Fest und noch viele tolle gemeinsame Feiern in der Zukunft!