Konzert: Camera

Camera

Ganz am Anfang, um das Jahr 2012, waren sieals„Krautrock Guerilla“unterwegs. Und nun, 7 Jahre später,legt die Berliner Combo Camera bereits ihr viertes Album vor. Lange wurden sie vor allem als Spielgefährten von Bands wie NEU!oder La Düsseldorf wahrgenommen, aber mittlerweile ist klar, dass Camera mehr sind als Krautrock, dass sie ihren ganz eigenen Weg gesucht und gefunden haben. Und das getreu dem Motto des legendären Mark E. Smith: „Es ist keine Wiederholung, es ist Disziplin.“ Der Name der Bandhat sich mittlerweile zu einer Visitenkarte entwickelt, die zahlreiche Assoziationen weckt. Camera obscura. Camera lucida. Von der Daguerreotypiezur Digitalität, von der Selbstinduktion zum Selfie. Der Songtitel Super 8 bietet möglicherweise einen Hinweis darauf, welcheKamera der Band vorschwebt. Als das Super-8-Verfahren im Jahr 1965 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war es eines der wenigen Filmformate, das eineTonspur besaß, und zwar am Rand des Films, nebenden belichteten Bereichen. Das könnte als hübsche Analogie dienen, wenn man der Frage nachgeht, wo die Ursprünge der Camera-Musik liegen könnten.Emotional Detoxist das vierte Camera-Album, dieses Mal als Quintettaufgenommen, während die die Vorgänger noch in Trio-bzw. Duo-Formation entstanden sind.

Ein einzelner Stein, in einen Teich geworfen, erzeugt konzentrische Wellen, die sich ins Unendliche fortsetzen. Parallele Schwingungen. Grenzenlose Symmetrie. Eine Klanglandschaft wie eine kinematographische Dauerschleife, als würde man denselben Film wieder und wieder sehen und doch bei jedem Mal etwas Neues entdecken. Wie gesagt: „Es ist keine Wiederholung, es ist Disziplin.“Das Etikett der „Krautrock Guerilla“, so nett und eingängig es auch gewesen sein mag, hat ausgedient. Die wabernden Bässe auf Himmel hilf klingen jedenfalls sehr viel mehr nach Bloody Valentine als nach Cluster oder Harmonia. Nach dem maschinell anmutenden Debütalbum Radiate!(2012) sowie der Verbeugung vor William Burroughs auf dem Nachfolger Remember I Was Carbon Dioxide(2014) war auf dem dritten Album Phantom of Liberty(2016) so etwas wie eine verspielte Commodore-64-Atmosphäre zu spüren.

Die neue LP wiederum ist von einerübersprudelnden Experimentierfreude geprägt. Die Band hat, so scheint es, einen selbstbewussten Schritt in Richtung mehr „Pop“ getan, ohne jedoch die Verbindungzu dem weit verzweigtenWurzelgeflecht im Fundamentdes Camera-Studios zukappen. Die Bezugspunkte sind immer noch die gleichen, auch wenn Emotional Detoxsichnicht in eine direkte Abhängigkeit begibt. Wir leben in einem Zeitalter, in demalles gleichzeitig geschieht –wir verwalten unsere Musik zentral an einem Ort, streamenjederzeit auf unseren Mobilgeräten, haben innerhalb weniger Sekunden jeden Lexikonartikel parat. Es kann eine übermächtige Versuchung werden, überall Verbindungen erkennen zu wollen, dabei macht uns die irre Geschwindigkeit der Informationsübertragung immer langsamer. Emotional Detoxist eine Ermutigung, die vielfältigen Ablenkungen zu missachten. Erstdann setzt die Entgiftung ein.

 

10.04.2019 // Einlass: 19:00 // Beginn: 20:00

VVK: 13,00 € zzgl. Geb. // AK: 16,00 €